Vergabe der Betreuungsplätze sorgt für Diskussionen – Eltern beklagen fehlende Kommunikation und fühlen sich nicht ausreichend informiert
Wachsender Unmut und „unglaubliche Giftigkeit“

Maximal 50 Prozent der Plätze dürfen derzeit im erweiterten Regelbetrieb belegt werden - umso mehr freut man sich aufs Wiedersehen.
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  • Maximal 50 Prozent der Plätze dürfen derzeit im erweiterten Regelbetrieb belegt werden - umso mehr freut man sich aufs Wiedersehen.
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Es herrscht Ausnahmezustand – auch in Sachen Betreuung. Viele Kinder und Jugendliche haben seit nahezu drei Monaten weder Schulen noch Kindergärten von innen gesehen. Letztere haben ihre Türen zunächst für eine Notbetreuung geöffnet, danach ging es schrittweise Richtung „eingeschränktem Regelbetrieb“, der eine Aufnahmekapazität von maximal 50 Prozent der jeweiligen Gruppengrößen erlaubt.

Schwierige Erreichbarkeit
Doch der Unmut unter den Eltern wächst. Viele fühlen sich unzureichend informiert, kritisieren die Vergabe der begehrten Plätze als intransparent und willkürlich und haben vergeblich auf eine Eingangsbestätigung ihrer Anträge oder aber zeitnahe Rückmeldung gewartet. „Das Schlimmste ist, dass du niemanden erreichst“, sagt Andrea Kersebohm, die trotz häufiger Versuche kein Glück mit Anrufen im zuständigen Kinder- und Jugendbüro, wo die Fäden zusammenlaufen, hatte und auch auf „mehrere Mails“ keine Antwort bekommen hat.

Tatsächlich sei die telefonische Erreichbarkeit des in Teilzeit besetzten Kinder- und Jugendbüros aufgrund der Vielzahl von Anrufen nicht immer gegeben gewesen, räumt Nicole Hoffmann, Referentin des Bürgermeisters, auf Nachfrage ein, jedoch „die Erreichbarkeit per Mail uneingeschränkt möglich“, und Anträge seien „schnellstmöglich“ bearbeitet worden, aufgrund des hohen Eingangs (Stand Montag: 270) aber nicht immer sofort.

Den Eindruck mancher Eltern, nach denen Notbetreuungsplätze sozial ungerecht oder gar willkürlich bewilligt worden seien, beantwortet Hoffmann mit der klaren Definition von Vergabe-Kriterien: Anspruch haben Kinder, deren Eltern in der kritischen Infrastruktur arbeiten oder deren Erziehungsberechtigten präsenzpflichtige Arbeitsplätze wahrnehmen. Damit ist ein Großteil der zur Verfügung stehenden Plätze bereits vergeben; bis zur Belegungsgrenze von nun 50 Prozent müssen die Einrichtungen jeweils einen kleinen Puffer für Notfälle vorhalten.

Etliche Kinder müssen also weiter zu Hause bleiben – ein Lichtblick für tagtäglich im Homeoffice jonglierende Eltern schien daher ein Schreiben der Caritas, gerichtet an alle Schulanfängereltern der drei Ladenburger Caritas-Kindergärten, mit der Ankündigung: „Ab Montag, 02. Juni 2020 können wir die Betreuung Ihres Vorschulkindes aufnehmen.“ In dem auf 23. Mai datierten Brief wurden Eltern gebeten, ihren Antrag auf einen Platz im eingeschränkten Regelbetrieb bei der Stadt Ladenburg abzugeben, und es wurde auf den Vorrang von Notbetreuungsplätzen verwiesen.

Um es vorwegzunehmen: Die im Eingangssatz klar formulierte Botschaft hat sich nicht erfüllt. Und noch dazu vielfach für Unsicherheit gesorgt: Jeanette und Denis Berg etwa, die umgehend reagiert hatten, haben auf ihren Antrag hin weder Zu- noch Absage bekommen und erst nach besagtem 2. Juni auf telefonische Nachfrage erfahren, dass ihr Sohn weiter zu Hause bleiben muss – vorerst. Denn kaum hatten sich die Eltern notgedrungen damit arrangiert, weiterhin wechselweise morgens und abends im Homeoffice arbeiten zu müssen, wurden sie kurz darauf unverhofft doch noch mit einer Betreuungszusage überrascht: „Das ist schon eine Erleichterung“, atmet Denis Berg auf.

„Frechheit, uns solche Hoffnungen zu machen"

Für Vera und Fabian Zech hat besagter Brief „das Fass zum Überlaufen gebracht“. Es sei verständlich, dass derzeit Abstriche gemacht werden müssen, sagt Vera Zech, jedoch „eine absolute Frechheit, uns solche Hoffnungen zu machen“. Eine Entschuldigung der Caritas sei das mindeste, was sie erwarte, der Brief erwecke zudem den Eindruck, dass Stadt und Kindergarten nicht Hand in Hand arbeiten. Wie Rathaus-Sprecherin Hoffmann mitteilt, sei jener Brief „mit der Verwaltung nicht abgestimmt und missverständlich formuliert“ gewesen. Grundsätzlich habe sich die Verwaltung mit allen Trägern auf ein zentrales Anmeldeverfahren für Betreuungsplätze geeinigt, zusätzlich sei jeder die Voraussetzungen erfüllende Aufnahmeantrag mit dem jeweiligen Träger abgestimmt worden.

„Wir waren nicht fahrlässig“

„Wir waren nicht fahrlässig“, beteuert Caritas-Verwaltungsleiterin Monika Wolf. Einige Schulanfänger-Eltern hätten im Vorfeld deutlich signalisiert, derzeit keinen Betreuungsplatz in Anspruch nehmen zu wollen. Zu dem Zeitpunkt, als das Schreiben in Abstimmung mit den jeweiligen Einrichtungsleiterinnen aufgesetzt wurde, den mündlich geäußerten Verzicht einkalkuliert, „ hätten wir die Plätze gehabt“. Unmittelbar danach seien jedoch viele vorrangig zu behandelnde Notbetreuungsplätze angemeldet worden, der Ansturm sei enorm gewesen, mit solch einem „Schub“ habe keiner gerechnet. „Es ist wirklich sehr komplex“, sagt Wolf und spricht von einer „für alle Beteiligten sehr aufreibenden Sache“.

Aufreibend bleibt die Situation auch für Eltern im Homeoffice – wer schon einmal versucht hat, über Stunden konzentriert zu arbeiten und gleichzeitig einen Drei- oder Vierjährigen zu betreuen, kann locker mitreden. „Ein Riesenstress“, sagt auch Andrea Kersebohm, Mutter dreier Schulkinder, und spricht für viele: „Mittlerweile wird eigentlich nicht mehr die Not gesehen“, und die sei groß. Nicht nur Leute im Homeoffice seien vergessen worden, „vor allem sind die Kinder vergessen worden“. Eine Bedarfsanalyse wäre der richtige Schritt gewesen, ebenso die Einführung eines rollierenden Systems oder zumindest geteilte Betreuungsplätze. „Manche haben einen Notbetreuungsplatz, sind aber jetzt zwei Wochen im Urlaub. Andere sind zu Hause und haben nichts.“ Gegebenheiten wie etwa ein Ganztagesplatz für Kinder, deren Eltern nur tageweise präsenzpflichtig arbeiten, führten „zu einer unglaublichen Giftigkeit zwischen den Eltern“.

„Absolute Ausnahmesituation"
„Für mich ist das System kollabiert“, stellt Sebastian Callies fest, der nicht nur eine klare Kommunikation mit Eltern vermisst, sondern seitens der Kommune eine „Task Force“, Transparenz und vor allem Tempo fordert. Auch er hat keine zeitnahe Rückmeldung auf den Betreuungsantrag für sein Vorschulkind erhalten: „Es kann nicht sein, dass es nicht mal eine Absage gibt“; das meiste erfahre man über drei Ecken von anderen Eltern. In dieser „absoluten Ausnahmesituation“ müsse man andere Wege gehen, und zwar zeitnah. „Nach meinem Gefühl wird weitergearbeitet, als sei alles normal.“

Denkbar ist, dass sich die Lage, zumindest für die jüngeren Kinder und deren Eltern, schon in wenigen Wochen ändert, zumal das Kultusministerium eine vollständige Öffnung der Kinderbetreuung für Ende Juni in Aussicht gestellt hat. Darüber habe sich die Stadtverwaltung am Dienstag Gedanken mit den Trägern gemacht, heißt es aus dem Rathaus.
Die Verwaltung stehe außerdem „im engen Austausch mit der Elterninitiative“, wie Hoffmann schreibt.

Autor:

Silke Beckmann aus Ladenburg

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